Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass Putin tatsächlich in die Ukraine einmarschieren lässt, mich eingeschlossen. Ich habe mich gründlich getäuscht.

Manch einer fragt sich, wie kam es zu diesem Krieg. Die meisten werden sagen, Putin ist ein skrupelloser Diktator, ein russischer Napoleon, der von der Auferstehung eines russischen Großreiches träumt. Ein kleinerer Teil wird behaupten, das Pentagon ist schuld, sie haben Putin mit ihrer Arroganz und Überheblichkeit dorthin getrieben. Als gebe es eine Rechtfertigung dafür, dass ein gekränkter Narzisst, dass Land von 40 Millionen Ukrainern in Schutt und Asche legt. Auch Putin möchte, dass andere sich seinen Vorstellungen von Einflusssphären unterwerfen.

Putin macht die Nato und deren Osterweiterung für den Krieg, den er anders nennt, verantwortlich. Den Vorwand, dadurch wären die eigenen Sicherheitsinteressen bedroht, halte ich für vorgeschoben. Russland ist die größte Atomstreitmacht der Welt, mehr Sicherheit geht nicht.

In den Medien feiert man nachvollziehbarer Weise den Widerstandswillen der Ukrainer. Das heißt aber auch, dass dieser Krieg sehr lange dauern wird. Anfang März zahlte die EU 660 Millionen Dollar an die russischen Gaskonzerne – täglich. Europa ist abhängig von russischem Öl, Gas und Kohle. Der Westen kann Russland den Geldhahn nicht zudrehen. Putin weiß das. LNG-Gas rechnet sich nicht, das Betreiben von LNG-Terminals ebenfalls nicht. Ohne russisches Gas wären wir nicht mehr wettbewerbsfähig und Privathaushalte würden nur noch die gute Stube heizen.

Solange Putin glaubt, er könnte den Krieg gewinnen, ist er nicht vorbei. Noch können die Russen immer mehr ihrer militärischen Kräfte in die Ukraine schicken, noch mehr ihrer Waffen in diesem Krieg einsetzen, in der Hoffnung, dass die Ukrainer irgendwann kapitulieren. Aber solange die Ukrainer nicht aufhören zu kämpfen, ist der Krieg nicht zu Ende. Die Ukrainer müssen noch nicht mal glauben, dass sie diesen Krieg gewinnen können, es reicht, wenn sie glauben, solange sie kämpfen, haben sie nicht verloren. Der Verlierer bestimmt das Ende dieses Krieges.

Wenn es ein ukrainisch russischer Konflikt bleibt, hat Putin jetzt schon verloren. Sein, wie er es zynischer Weise selbst nennt, Brudervolk hat er bereits verloren. Was will er jetzt noch gewinnen, die Krim und den Donbass hatte er vorher schon. Dass die Ukrainer noch mehr bereit sind abzugeben, ist schwer vorstellbar. Das Putin bald einlenkt, ebenfalls nicht. Ein Mann, der sich seinem Volk mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd präsentiert, kann nicht aufgeben. Er muss gewinnen.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass nach diesem Krieg, alle Großmächte vorsichtiger agieren und dass sich die Zivilbevölkerung stärker wehrt, gegen die Allmachtsphantasien derer mit dem Geld und der Macht. Und wir sollten nicht vergessen, das ist kein Krieg der Russen, es ist Putins Krieg.

In meinen beiden Vorträgen „Russland“ und „Transsib“ geht es nicht um Politik, sondern um Menschen, die so leben wollen wie wir. Sie möchten in Frieden ihren Lebensunterhalt bestreiten, Familien gründen, ab und zu verreisen oder gemeinsam das Leben genießen. Das trifft auf Russen genauso zu, wie auf alle anderen Menschen auf diesen Planeten – auch auf die Menschen in den Ländern, die aktuell unter den Kriegen in ihren Ländern leiden, welche die Tragödie in der Ukraine aus den Nachrichten verdrängt hat.