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Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass Putin tatsächlich in die Ukraine einmarschieren lässt, mich eingeschlossen. Ich habe mich gründlich getäuscht.

Manch einer fragt sich, wie kam es zu diesem Krieg. Die meisten werden sagen, Putin ist ein skrupelloser Diktator, ein russischer Napoleon, der von der Auferstehung eines russischen Großreiches träumt. Ein kleinerer Teil wird behaupten, das Pentagon ist schuld, sie haben Putin mit ihrer Arroganz und Überheblichkeit dorthin getrieben. Als könnte es eine Rechtfertigung für die Zerstörung, die Toten und das Leid derer geben, die für diese Rachephantasien bezahlen. 

Den Vorwand, durch die NATO-Osterweiterung sind die Sicherheitsinteressen Russlands bedroht, halte ich für vorgeschoben. Russland ist die größte Atomstreitmacht der Welt, mehr Sicherheit geht nicht.

Ich glaube, Putin will der westlichen Welt eine Lektion erteilen. Er lügt, um dem Westen zu zeigen, schaut her, ich kann es mir leisten, genauso zu lügen wie ihr. Ihr führt Kriege, wann immer es euch passt, das kann ich auch.

Von Putin ist bekannt, dass er am liebsten Memoiren liest, zum Beispiel die von General Denikin. Denikin kommandierte ab 1918 die Weiße Armee, die für die Wiederherstellung des Romanow-Reiches kämpfte. Denikin floh nach dem Sieg der Bolschewisten in die USA. Putin hat 2005 seinen Leichnam nach Moskau überführen lassen und an seinem Grab 2009 einen Kranz niedergelegt. Mit dem Niederlegen des Kranzes wendete er sich endgültig von seiner Erziehung ab, denn wie alle KGBler wurde er zum Hass auf Denikin erzogen. Putin fordert seine Landsleute auf: „Habt ihr Denikins Tagebücher gelesen? Lest sie um Himmels willen.“ Denikin schrieb in seinen Memoiren vom Großrussland, dem alten Großherzogtum Moskau, und von Kleinrussland, der Ukraine. Beide, schreibt er, gehören unauflöslich zusammen und dürfen nicht durch Minderheitenrechte beschädigt werden. Niemandem ist eine Einmischung in unsere Beziehungen zur Ukraine erlaubt. Nach der Logik ist es selbstverständlich, dass Großrussland in Kleinrussland den Ton vorgibt.

Der Krieg kann noch sehr lange dauern. Solange die Ukrainer nicht aufhören zu kämpfen, ist der Krieg nicht zu Ende. Die Ukrainer müssen noch nicht mal glauben, dass sie diesen Krieg gewinnen können, es reicht, wenn sie glauben, solange sie kämpfen, haben sie nicht verloren. Der Verlierer bestimmt das Ende dieses Krieges.

Wenn es ein ukrainisch russischer Konflikt bleibt, hat Putin jetzt schon verloren. Sein, wie er es zynischerweise selbst nennt, Brudervolk hat er bereits verloren. Was will er jetzt noch gewinnen, die Krim und den Donbass hatte er vorher schon. Dass die Ukrainer noch mehr bereit sind abzugeben, ist schwer vorstellbar. Das Putin bald einlenkt, ebenfalls nicht. Ein Mann, der sich seinem Volk mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd präsentiert, kann nicht aufgeben. Er muss gewinnen.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass nach diesem Krieg, alle Großmächte vorsichtiger agieren und dass sich die Zivilbevölkerung stärker wehrt, gegen die Allmachtsphantasien derer mit dem Geld und der Macht. 

In meinen beiden Vorträgen „Russland“ und „Transsib“ geht es nicht um Politik, sondern um Menschen, die so leben wollen wie wir. Sie möchten in Frieden ihren Lebensunterhalt bestreiten, Familien gründen, ab und zu verreisen oder gemeinsam das Leben genießen. Das trifft auf Russen genauso zu, wie auf alle anderen Menschen auf diesen Planeten – auch auf die Menschen in den Ländern, die aktuell unter den Kriegen in ihren Ländern leiden, welche die Tragödie in der Ukraine aus den Nachrichten verdrängt hat.

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